[OPR] Perrin: “Irgendwie bin ich immer am Schreiben”

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“Irgendwie bin ich immer am Schreiben”. Vom Sinn transdisziplinärer Analysen der Textproduktion im Medienwandel

von Daniel Perrin

“Irgendwie bin ich immer am Schreiben”, sagt eine Journalistin, befragt zu ihrem Arbeitsalltag. Tatsächlich: Am Smartphone schreiben wir überall und immer, in kleinsten Häppchen, beiläufig. So wird im Geschäftsalltag inzwischen mehr schriftlich kommuniziert als mündlich. Das verändert die Gewohnheiten und Erwartungen, wie wir Texte verfassen, wie Texte gebaut sind und wie wir Texte aufnehmen. Natürlich zieht eine solche Veränderung ihre Spur im Journalismus. Dort wird immer mehr beiläufig geschrieben als fokussiert.

Dieser Beitrag untersucht, wie sich Schreiben im Journalismus verändert hat in den letzten zwanzig Jahren und was das bedeutet für die Aus- und Weiterbildung im Beruf. Zudem zeigt er, was es bringt, wenn bei einer solchen Untersuchung die WissenschaftlerInnen nicht nur über die JournalistInnen forschen, sondern auch für sie und mit ihnen: in gemeinsam angelegten Forschungsprojekten, in denen alle Beteiligten voneinander lernen. Es geht also um zwei Ebenen: erstens darum, wie sich Schreiben im Journalismus verändert, und zweitens darum, wie Forschung angelegt sein muss, damit sie solche Veränderungen angemessen erfassen kann.

Wie also verändert sich Schreiben im Journalismus? – Vor zwanzig Jahren waren JournalistInnen oft einsame Schreibende, die sich nach der Recherche zurückzogen an ihren Arbeitsplatz und dort still für sich einen Text verfertigten. Danach reichten sie das Werk weiter an die nächste Stelle, in die Produktion, und fertig war ihre Arbeit. Mit dem Internet veränderte sich zuerst die Recherche, man konnte vom Schreibgerät aus weiterrecherchieren. Seit den Sozialen Medien aber netzwerken JournalistInnen ständig schriftlich mit ihren Quellen und AdressatInnen, und vor lauter beiläufigem Schreiben fehlt oft die Zeit fürs fokussierte Verfassen eines Texts.

Und wie hat unsere Forschung diese Veränderungen erfasst? – Seit über zwei Jahrzehnten führen wir Progressionsanalysen in Redaktionen durch: Bei allen JournalistInnen an allen Arbeitsplätzen zeichnet Software auf, was sie genau tun, wenn sie schreiben. Daraus entstehen Videos, die sie sich nach dem Schreiben anschauen. Während sie sehen, wie ihr Schreibprozess abgelaufen ist, sagen sie, was genau sie hier tun und warum. Daran wird deutlich, was von dem, das sie tun, ihnen selbst auffällt, und wie sie es begründen. Solche Forschung zeigt also Schreiben als reflektierte Praxis – von einzelnen und ganzen Redaktionen über Jahrzehnte.

Ein solch präziser Zugang zur Berufspraxis bedingt das Vertrauen der Beforschten. Sie machen dann mit, wenn sie nicht Objekte der Forschung, sondern Teilhaber sind. Das bedeutet, dass WissenschaftlerInnen und JournalistInnen sich als Partner verstehen, die in einem gemeinsamen Forschungsprojekt voneinander lernen. Schon die Forschungsfragen werden gemeinsam entwickelt, damit nichts ausgeblendet wird, was für die eine oder andere Seite interessant sein könnte. Diese Art des Forschens heißt transdisziplinär. Projekte dauern länger und sind aufwändiger, aber eben oft ergiebiger, weil sie tiefe Einblicke in die Praxis ermöglichen …

… und dann zum Beispiel zeigen, wie erfolgreich man beim Gestalten der Laufbahn sein kann, wenn man, gegen den Trend, beim fokussierten Schreiben bleibt.

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