[OPR] Suderland: „Warte, ich google mal kurz“

Auf dieser Seite können Sie das Diskussionspapier zu der Einreichung für das Journal für Medienlinguistik im PDF-Format herunterladen. Das Blogstract fasst die Einreichung allgemein verständlich zusammen. Sie können das Diskussionspapier und das Blogstract unter diesem Beitrag kommentieren. Bitte benutzen Sie hierfür Ihren Klarnamen. Bei Detailanmerkungen zum Diskussionspapier beziehen Sie sich bitte auf die Zeilennummerierung des PDFs.

Diese Einreichung ist ein Beitrag zum Themenheft „Mobile Medienpraktiken im Spannungsfeld von Öffentlichkeit, Privatheit und Anonymität“.


Zum Diskussionspapier (PDF)

Blogstract zu

„Warte, ich google mal kurz“. Eine konversationsanalytische Untersuchung sprachlicher Bezugnahmen auf smartphone-gestützte Suchanfragen in Alltagsgesprächen

von David Suderland

Bei Smartphones handelt es sich um persönliche und oftmals personalisierte mobile Kommunikationstechnologien, die von ihren BesitzerInnen stets bei sich getragen werden. Dass Menschen diese mobilen Endgeräte im Kontext alltäglicher Gespräche mit anderen Anwesenden nutzen, ist für die meisten von uns zu einem vertrauten Anblick geworden. Die Auswirkungen der Allgegenwart mobiler Kommunikationstechnologien in Situationen körperlicher Ko-Präsenz wurden und werden im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs – teils kontrovers – diskutiert. Vor diesem Hintergrund ist es einigermaßen verwunderlich, dass die Anzahl konversationsanalytischer Studien, die den Smartphonegebrauch in Face-to-Face-Interaktionen untersucht, erst in den letzten Jahren langsam zunimmt (bspw. Brown/McGregor/Laurier 2013; Keppler 2014; Oloff, 2019).

Der vorliegende Aufsatz schreibt sich in die aktuelle Erforschung des Umgangs mit smartphone-gestützten Suchaktivitäten im Kontext alltäglicher Gespräche (Brown/McGregor/McMillan 2015; Porcheron/Fisher/Sharples 2016) ein, indem er untersucht, wie und mit welcher Funktion sich Anwesende sprachlich explizit auf laufende smartphone-gestützte Suchen beziehen. Dieser Frage geht die Beobachtung voran, dass eine SmartphoneinhaberIn, wenn sie anderen Anwesenden bspw. eine digitale Fotografie als Teil einer Erzählung zeigen möchte, dieses Foto zunächst im lokalen Speicher ihres Smartphones, über eine der installierten Apps oder im World Wide Web suchen und finden muss. Aufgrund des technischen Designs des Geräts – seiner Größe, der Positionierung des Displays sowie der Steuerung über Bediengesten – ist für andere Anwesende dabei jedoch oftmals nicht ohne Weiteres ersichtlich, welchem Zweck die Bedienung des Smartphones gilt.

Der Aufsatz identifiziert und unterscheidet analytisch zwei Formen der gesprächsweisen Bezugnahmen auf laufende smartphone-gestützte Suchanfragen: kollaborative Suchen (vgl. Brown/McMillan/McGregor 2015) und suchbegleitende Kommentierungen durch die SmartphoneinhaberIn. Beiden Formen ist gemeinsam, dass sie für andere Anwesende den Suchprozess sprachlich als Aktivität accountable – d.h. verstehbar, beschreibbar, berichtbar und erklärbar (vgl. Garfinkel 1967: vi) – machen, die im Dienst einer gemeinsamen Gesprächsaktivität steht. Sie unterscheiden sich jedoch dahingehend, dass während der kollaborativen Suche problematische Dimensionen der Suche von der SmartphoneinhaberIn explizit sprachlich bezeichnet und andere Anwesende als wissende TeilnehmerInnen adressiert werden, die so durch ihre Äußerungen einen konstitutiven Beitrag zum Fortschritt der Suche leisten können. Durch die Praktiken der kollaborativen Suche werden Inhalte und Vorgänge der Smartphone-gestützten Suche gesprächsöffentlich und die Suche als gemeinsam von den Anwesenden zu bearbeitende Aufgabe hervorgebracht. Im Unterschied macht die SmartphoneinhaberIn durch die Praktiken der suchbegleitenden Kommentierung lediglich ersichtlich, dass sie mit der Suchanfrage beschäftigt ist und zeitgleich nicht an anderen Gesprächsaktivitäten teilnehmen kann. Sprachlich werden für andere Anwesende keine Möglichkeiten erschaffen, durch ihre Äußerungen zum Fortschritt der Suche beizutragen – die suchbegleitende Kommentierung erlaubt es ihnen jedoch, den Verlauf des Suchprozesses einzuschätzen. Die konversationsanalytische Untersuchung sprachlicher Bezugnahmen auf den Suchprozess zeigt, dass Smartphones und darüber zugängliche ‚Informationen‘ nicht per se als privat oder (gesprächs-)öffentlich zu definieren sind, sondern dass dieser Status in unterschiedlichen Abstufungen lokal und interaktiv im Vollzug konkreter Gesprächssituationen durch die TeilnehmerInnen hervorgebracht wird.

Leave a Comment