[OPR]: Truan & Fischer: “Das Private ist politisch”: Praktiken des digitalen Protests in der Pandemie rund um die Hashtags #CoronaEltern und #CoronaElternRechnenAb

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„Das Private ist politisch“: Praktiken des digitalen Protests in der Pandemie rund um die Hashtags #CoronaEltern und #CoronaElternRechnenAb

von Naomi Truan & Friederike Fischer

Auf Twitter entstand im März 2020 ein neuer Hashtag, #CoronaEltern, der schnell um #CoronaElternRechnenAb erweitert wurde. Bei der Kampagne, die sich rasch rund um die beiden Hashtags entwickelte, handelt es sich um eine digitale Protestpraktik, die auf Twitter entstanden ist. Dies lässt sich vermutlich auf die pandemiebedingten Einschränkungen und die Thematik der Kampagne zurückführen – Straßenproteste, Homeoffice und Care-Arbeit sind (nicht nur) während einer pandemischen Notlage schwer vereinbar, sodass ein Straßenprotest als physisches Treffen den eigenen politischen Standpunkten widersprechen würde.

In diesem Beitrag zeigen wir, wie digitale Praktiken rund um Hashtags als Protest aufgefasst werden können. Wichtig dabei ist, dass die Hashtagkampagne trotz teilweise negativer Rezeption in den Medien nicht als „Jammern“ abzutun ist oder nur als Ausdruck von Emotionen interpretiert werden kann.

Das zentrale Motiv ist vielmehr: Das Private ist politisch. So entfaltet eine bestimmte Art des Sprechens bzw. Schreibens über Privates auf einer digitalen öffentlichen Bühne Protestfunktionen, die sowohl nach außen als auch nach innen wirken. Nach außen erregt diese Form des Sprechens Aufmerksamkeit, nach innen hingegen stiftet sie Gemeinschaft und stärkt den Zusammenhalt unter den Protestierenden. Wie wir in der Analyse zeigen, haben #CoronaEltern und #CoronaElternRechnenAb Gemeinsamkeiten mit Hashtagkampagnen wie #MeToo. Die Hauptziele sind dabei die Sichtbarmachung der Thematik und die Mobilisierung möglichst vieler Personen, um den gesellschaftlichen Druck auf die Politik zu erhöhen und so Veränderungen zu bewirken.

Neben der Sichtbarmachung ihrer Herausforderungen nutzen die Beteiligten die Protestbewegung, um sich im Onlinediskurs rund um die COVID-19-Pandemie zu positionieren. Die Analyse orientiert sich an den Personalpronomina bzw. dem Personenbezug in den Tweets: Ihr, Wir, und Ich. Mit dem Fokus auf die Adressat*innen (die Leute, die mit Ihr angesprochen werden) zeigen wir, dass in den Tweets kaum direkte politische Forderungen gestellt werden wie z.B. Ihr sollt das so und so handhaben. Danach liegt das Augenmerk auf der Untersuchung des Wir. Denn charakteristisch für die Hashtagkampagne – sogar charakteristischer als sprachliche Mittel des Aufrufs und der Anprangerung – ist die Konstitution eines Kollektivs, das seine Unzufriedenheit äußert und die empfundenen Missstände kritisiert. Schließlich zeigen wir mit dem Ich-Bezug, wie die Anhäufung persönlicher Erfahrungen nach bestimmten Mustern erfolgt und der Ausdruck von Subjektivität als indirekter Aufruf angesehen werden kann. So resultiert die Kraft des digitalen Protests vorwiegend über die Anhäufung individueller Erfahrungen, ohne jedoch an ihrer politischen Brisanz zu verlieren: Gerade das Betroffensein macht die vielfältigen Erzählungen legitim, relevant und wirksam.

Vor diesem Hintergrund zeigt unsere Untersuchung, dass #CoronaEltern nicht nur Eltern in Zeiten von Corona sind: Vor Corona waren #CoronaEltern sicher schon Eltern. Während Corona sind jedoch nicht alle Eltern #CoronaEltern. #CoronaEltern sind nur diejenigen, die sich als solche verstehen, weil sie sich mit ihren Tweets zum Teil einer sich entwickelnden, teilweise missverstandenen Community machen.

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