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Flausch. Unterstützende Sprachhandlungen in sozialen Medien
von Yulia Clausen & Tatjana Scheffler
Die Forschung zur digitalen Kommunikation hat sich in den letzten Jahren vermehrt auf Hassrede konzentriert, was vor dem Hintergrund der zunehmenden sprachlichen Verrohung in Onlinekontexten eine naheliegende Entwicklung darstellt. Der einseitige Fokus auf negative Sprachphänomene schwächt allerdings oft das Bewusstsein für eine ebenso wichtige, aber weniger erforschte Seite der digitalen Kommunikation: positive, unterstützende Sprache. Um eine Forschungslücke im Bereich positiver Onlinesprache zu adressieren, analysiert diese Studie Äußerungen, die unter dem Begriff „Flausch“ gefasst werden.
Ursprünglich bezeichnete Flausch einen weichen Wollstoff, hat sich jedoch spätestens im Jahr 2012 in der Onlinekultur als Begriff etabliert, der unterstützende, bestärkende oder einfach liebevolle Kommentare im Netz beschreibt. Flausch stellt somit das Gegenteil von Hassrede dar: Wo Hass entwertet und ausgrenzt, zielt Flausch darauf ab, aufzubauen und Nähe herzustellen. Die vorliegende Studie definiert Flausch als kommunikative Handlung, die das soziale Selbstbild der Adressat*innen – das „Face“ im Sinne Erving Goffmans (Goffman 1967) – unterstützt, stärkt oder affirmiert.
Flausch ist eng verwandt mit Konzepten wie hope speech, empowering language, candy storm oder small talk, unterscheidet sich von diesen jedoch in wesentlichen Aspekten. Während hope speech meist Deeskalation in feindlichen Kontexten bezweckt, kann Flausch unabhängig davon auftreten, beispielsweise als spontane Zuneigungsbekundung oder positives Feedback. Empowering language hebt vorrangig die Handlungsmacht der Adressat*innen hervor, während Flausch insbesondere auf die emotionale und soziale Unterstützung abzielt. Auch von small talk grenzt sich Flausch insofern ab, als er in der Regel deutlich stärkere emotionale Unterstützung bietet.
Zur systematischen Erfassung von Flausch entwickeln wir in dieser Studie eine feingliedrige Typologie mit sieben Hauptkategorien:
- positive feedback (z. B. „die parodie ist mega hammer geil 😍“)
- affection declaration (z. B. „#beste youtuberin“)
- compliment (z. B. „du bist wunderschön !“)
- encouragement (z. B. „macht immer so weiter“)
- gratitude (z. B. „Danke , dass du das für uns machst 😍💖 💞“)
- group membership (z. B. Emojis oder Hashtags, wie 🦄 oder #Lochinator)
- sympathy (z. B. „Ich hoffe es geht dir langsam besser“)
Ergänzt wird diese Klassifikationsschema durch drei Zusatzkategorien: agreement (zustimmende Reaktionen auf Flauschausdrücke), implicit (impliziter Flausch) und ambiguous (mehrdeutige Fälle).
Die empirische Grundlage dieser Untersuchung bildet das NottDeuYTSch-Korpus (Cotgrove 2023), das deutschsprachige YouTube-Kommentare junger Nutzer*innen aus den Jahren 2008 bis 2018 umfasst. Analysiert wurden über 46 000 Kommentare zu Videos bekannter Contentcreator*innen.
In rund einem Drittel der analysierten Kommentare konnte mindestens ein Flauschausdruck identifiziert werden. Am häufigsten trat dabei positive feedback auf (52,3%), gefolgt von affection declaration (18,1%) und compliment (16,1%). Andere Kategorien wie gratitude, sympathy oder group membership traten seltener auf, da sie besonders kontextabhängig sind und nahezu ausschließlich in Kommentaren zu Videos vorkommen, die entsprechende Emotionen hervorrufen bzw. Zugehörigkeit zu Fangemeinschaften oder themenspezifischen Communities signalisieren.
Unsere Studie zeigt, dass positive Sprache kein Randphänomen, sondern ein zentraler Bestandteil digitaler Kommunikation ist. Während Hass meist zur sozialen Ausgrenzung führt, fördert Flausch Bindung, Zugehörigkeit und empathische Reaktionen. Die feingliedrige Unterscheidung der Flauschtypen ermöglicht eine differenzierte Analyse positiver Sprache, nicht nur als bewusstes Gegengewicht zur weitverbreiteten Forschung zu Hassrede, sondern als eigenständiges sprachliches Phänomen mit klar identifizierbaren Funktionen. Damit eröffnet die Studie neue Perspektiven für die Untersuchung unterstützender sprachlicher Praktiken in virtuellen Kommunikationsräumen.
Literatur
Cotgrove, Louis (2023): THE NOTTDEUYTSCH CORPUS: A corpus of German-languageYouTube comments, Korpora Deutsch als Fremdsprache 3 (2), 225–229.
Goffman, Erving (1967): Interaction Ritual: Essays on Face-to-Face Behavior. Anchor Books, Doubleday & Company, Inc, Garden City, New York

Liebe Yulia, liebe Tatjana,
wir haben in meinem Oberseminar gerade Euer Manuskript mit großem Gewinn diskutiert. Wir finden es sehr überzeugend, den analytischen Blick auch einmal auf die positiven Seiten der Social-Media-Kommunikation (vor allem in den Kommentaren) zu richten. Bei uns sind aber einige Frage offen geblieben, die wir hier gerne nennen wollen:
Zunächst und allgemein: Der Link zum OSF-Repo funktioniert nicht. Vielleicht würden sich viele unserer Fragen klären, wenn wir die dort abgelegten Materialien hätten sehen können.
1) Ihr schreibt, dass Ihr die Anpassung der Klüwerschen Kategorien „auf der Grundlage unserer Korpusanalyse“ (Z. 265) vorgenommen habt. Wie genau habt ihr das gemacht? Denn diese Korpusanalyse kann ja nicht die gleiche sein wie die, in der Ihr dann auf Grundlage dieser Kategorien die Annotation vorgenommen habt. Habt Ihr erst einmal manuell gesichtet? Wenn ja, wie viele Kommentare und nach welchen Prinzipien?
2) Die Annotation der Kommentare, deren Ergebnisse Ihr dann auch quantitativ berichtet: Wir gehen aufgrund der großen Menge davon aus, dass Ihr das nicht manuell gemacht habt, sondern automatisiert, richtig? Wenn ja, nach welchen Methoden? Ihr schreibt ja auch in Z. 388, dass alles ins Sample aufgenommen wurde, wo mindestens ein „Flauschausdruck“ vorkommt. Habt Ihr also einen diktionärsbasierten Ansatz, gibt es irgendwo eine Art Flausch-Lexikon? Oder habt Ihr ML gemacht? Falls Ihr es doch manuell gemacht habt, wären Informationen zu den Annotierenden (wie viele, wer usw.) hilfreich.
3) „Damit ein Ausdruck als implizite Form von Flausch annotiert werden kann, muss eindeutig erkennbar sein, welchem der zuvor definierten Flausch-Typen er zuzuordnen ist“ (349) –> das verstehen wir auch nicht, insbesondere nicht, wie das automatisiert umzusetzen wäre.
4) Wie distinkt sind die Flausch-Kategorien? Können sich diese nicht auch überlappen? Gerade „positive feedback“ kann doch geradezu als Oberbegriff z.B. für Komplimente angesehen werden usw.
Viele Grüße von der gesamten Seminargruppe