Auf dieser Seite können Sie das Diskussionspapier zu der Einreichung für das Journal für Medienlinguistik im PDF-Format herunterladen. Das Blogstract fasst die Einreichung allgemein verständlich zusammen. Sie können das Diskussionspapier und das Blogstract unter diesem Beitrag kommentieren. Bitte benutzen Sie hierfür Ihren Klarnamen. Bei Detailanmerkungen zum Diskussionspapier beziehen Sie sich bitte auf die Zeilennummerierung des PDFs.
Blogstract zu
Algorithmizität – Medienlinguistische und mediendidaktische Perspektiven
Algorithmen sind im Alltag allgegenwärtig: Sie schlagen den nächsten Titel in unserer Spotify-Session auf Grundlage unserer bisherigen Hörerlebnisse vor, sortieren Ergebnisse von Anfragen auf Suchmaschinen anhand ihrer Relevanz für den Suchenden und schlagen den kürzesten, schnellsten oder effizientesten Weg von A nach B vor. In einer Kultur der Digitalität im Sinne des Kulturwissenschaftlers Felix Stalders, die letztlich auf der Infrastruktur digitaler Netzwerke beruht und die (nahezu) alle Lebensbereiche durchdringt, nehmen Algorithmen somit eine Schlüsselstellung ein. Es ist daher nicht überraschend, dass Stalder die Algorithmizität und somit die selbstverständliche Nutzung von Algorithmen angesichts einer wachsenden Informationsflut als eine der zentralen Praktiken der Kultur der Digitalität neben der Referenzialität und der Gemeinschaftlichkeit positioniert.
Dieser konzeptionelle Beitrag widmet sich der Algorithmizität, indem bildungspolitische, medienlinguistische und mediendidaktische Perspektiven zusammengeführt werden, um das Konzept weiter auszuschärfen, vorhandenes Wissen zu sondieren, und Folgerungen für die (zukünftige) mediendidaktische Arbeit abzuleiten. Dabei argumentiert der Beitrag u.a., dass genau diese Zusammenführung der verschiedenen Stränge notwendig ist, weil das Phänomen der Algorithmizität offenbar in verschiedenen Paralleldiskursen betrachtet wird, die bisher wenig aufeinander bezogen worden sind.
Aus bildungspolitischer Perspektive arbeitet der Beitrag auf, inwiefern die Algorithmizität in den vergangenen 25 Jahren schrittweise in zentralen curricularen Dokumenten Fuß gefasst hat, die für die schulische, aber auch für die Lehrkräftebildung von der Kultusministerkonferenz verabschiedet worden sind. Dabei zeigt sich, dass insbesondere in jüngerer Vergangenheit der kritische Umgang mit Algorithmen zu einem Teil der Querschnittsaufgabe einer „Bildung in der digitalen Welt“ avanciert ist, woraus sich u.a. auch eine Handlungsaufforderung an die Mediendidaktik sowie -linguistik ergibt, deren Erkenntnisse und Implikationen zusammenzudenken seien.
In der Zusammenführung medienlinguistischer und -didaktischer Diskurse zur Algorithmizität setzt der Artikel zwei Schwerpunkte: Erstens wird die zentrale Bedeutung von Empfehlungsalgorithmen in alltäglichen Praktiken (bspw. auf Social Media) herausgearbeitet und inwiefern Algorithmen hierbei einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Bildung von Meinungen und Weltsichten ausüben können. Der Artikel zeigt außerdem, wie zentral die Laientheorien zu Algorithmen (algorithmic imaginaries) für den (un-)kritischen Umgang mit Algorithmen im Alltag sind, und leitet ab, dass neben code-analytischen Herangehensweisen insbesondere lebensweltnahes, erfahrungsbasiertes Lernen diese algorithmic imaginaries formen kann.
Zweitens widmet sich der Beitrag generativer künstlicher Intelligenz als einer Facette der Algorithmizität, die in Stalders Konzept der Kultur der Digitalität noch nicht mitgedacht wurde. Auf Grundlage exemplarischer Einblicke in die rasant wachsende medienlinguistische und -didaktische Forschungslandschaft zu generativer KI arbeitet der Beitrag u.a. mediendidaktische Fragestellungen heraus, welche die Rolle generativer KI in Schreibprozessen einerseits und mit Zugängen forschenden Lernens als Form der kritischen Auseinandersetzung mit generativer KI andererseits betreffen.
Aus diesen Einblicken in das Phänomen der Algorithmizität heraus entwickelt der Beitrag ein Konzept der kritischen digitalen Diskursfähigkeit, das im Anschluss an breit aufgefächerte nationale und internationale Vorarbeiten mit Blick auf die Rolle von Algorithmen in Diskursen und deren macht- sowie informationskritische Reflexion konkretisiert wird. Die Wissens-, Fertigkeits- und Einstellungskomponenten des Konzepts werden abschließend an einem Unterrichtsbeispiel illustriert, das Lernende im Englischunterricht der Oberstufe unter dem Titel „Join the Algorithmic Justice League“ zur kritischen Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten von Algorithmizität im Alltag befähigen soll.
Abschließend plädiert der Beitrag einerseits für eine verstärkte Vernetzung medienlinguistischer und -didaktischer Forschung. Andererseits werden exemplarisch sowohl konzeptionelle als auch empirische Forschungsanliegen konturiert, welche die medienlinguistische und -didaktische Algorithmizitätsforschung in den kommenden Jahren beschäftigen könnten.

Gutachten zu
Schildhauer/Gredel: Algorithmizität – Medienlinguistische und mediendidaktische Perspektiven
von: Matthias Ballod
Empfehlung: Beitrag annehmen
—
Die fachliche Beurteilung des Beitrags erfolgt gemäß den Beurteilungsrichtlinien der Zeitschrift jfml absteigend.
Beitragsstruktur und sprachliche Form
Der Aufbau des Artikels sowie das Abstecken des Forschungsgegenstands ist auch gemessen am Umfang passend. Die sprachliche Darstellung des Forschungsfeldes ist durchweg passend. Die (Re)Kontextualisierung des vielschichtigen Phänomens ‚Algorithmizität‘ im medienlinguistischen und mediendidaktischen Spannungsfeld gelingt gut.
Plausibilität und Stringenz der Argumentation
Auf der strukturellen Basis der Gliederung und der Schwerpunktsetzung sind die Gesamtanlage, die Schlussfolgerungen sowie die Hinweise für Handlungsoptionen im pädagogischen bzw. sprachdidaktischen Handlungsrahmen durchweg nachvollziehbar und konsistent gewählt und werden gekonnt ab- bzw. hergeleitet. Den ‚historischen‘ Bogen finde ich zwar recht weit gespannt, wobei bildungspolitische und curriculare Aspekte der 1990er und 2000er Jahre als Gesamtfolie für die sprachdidaktischen und medienlinguistischen Aspekte leitend und basal sind, sodass der weite Rückgriff auf diese ‚ordnungs-‚ und ‚fachpolitischen‘ Rahmenbedingungen verständlich sind. Es ist eben so, dass diese Vorannahmen und Eckpunkte sehr wohl bis in die heutige Zeit wirken, auch wenn sie im ersten Moment ggf. etwas aus der Zeit bzw. Diskussion entrückt wirken.
Angemessenheit und Umsetzung der Methoden
An der Wahl der Methoden, dem Forschungsdesign und dem konkreten Forschungsinteresse ist ebenso wenig zu kritteln, wie an Datenerhebung, Befundlage und Ergebnisdarstellung.
Originalität und Innovativität
Die Autoren greifen ein extrem wichtiges Thema zur Informations-Selektion und der Aufmerksamkeits-Steuerung auf. Diese Form der Vor-Konfektionierung von Information und Wissen prägt unser aller Blick auf und in die Welt. Die Brisanz des Themas ist dadurch gekennzeichnet, denn unsere Welt-Bilder sind durch sie beeinflusst und werden im schlimmsten Fall (bewusst oder unbewusst) verfälscht, mit weitreichenden Auswirkungen auf die gesamte gesellschaftliche Sphäre. Im Umkehrschluss ist es Aufgabe der Bildungseinrichtungen dieses Thema konstruktiv wissenschaftlich zu bearbeiten und praktisch zu vermitteln. Folgerichtig ist daher die gewählte medienlinguistische und sprachdidaktische Schwerpunktsetzung.
Passung in die Zeitschrift
Da der Beitrag von Schildhauer/Gredel explizit als „Discussion Paper“ gekennzeichnet ist, gilt es zu konstatieren, dass er in diesem Sinne nachwirkt und die Textgattung zugleich voll umfänglich bedient. Die aufgezeigten Anknüpfungen sind geeignet, den Diskurs über Fachgrenzen hinaus anzuregen.
Unverständlich bleibt, warum die Autoren diese Diskurs-Fäden nicht selbst in der Hand behalten oder zumindest die gebotene und geforderte Interdisziplinarität konkret oder exemplarisch aufzeigen. Die Positionierung der Medienlinguistik und die Einbettung der Sprachdidaktik macht es insgesamt unmöglich, ihre Gegenstandsbereiche, zu denen der gewählte – ohne Zweifel und wie im Beitrag sehr gut herausarbeitet – im Kern gehört, nicht multiperspektivisch zu betrachten. Entsprechend wäre zu erwarten, dass weitere wissenschaftliche Bezugspunkte im Koordinaten-System ‚Wissenschaft‘ sowie andere (Forschungs-)Felder stärker adressiert oder einbezogen werden. Zumal es auch fachgebietsinhärente fachwissenschaftliche und fachdidaktische Ankerpunkte gibt.
Demgemäß bezieht sich die einzige redaktionelle Anregung auf die ersatzlose Streichung eines einzelnen Satzes: „Wir plädieren deshalb für die Stärkung des interdisziplinären Dialogs“. Die Satzaussage konterkariert das durchweg erkennbare und gut geglückte Bemühen, eine breite Forschungsbasis zu schaffen und alle Begutachtungskriterien dieser Fachzeitschrift zu bedienen, aus sich selbst heraus und ohne Not. Denn: Die Autoren hätten – im Rahmen dieses Beitrags – die Option gehabt, das Themenfeld interdisziplinär ‚aufzuschließen‘. Sie haben sich aber gut begründet und bewusst dagegen entschieden, sodass der oben zur Streichung empfohlene Satz die Gesamtaussage der eigenen Argumentation unterläuft und die im Beitrag sehr klar herausgestellte Positionierung und Bedeutung von Medienlinguistik und Sprachdidaktik nicht stützt.
Gutachten zu
Schildhauer/Gredel: Algorithmizität – Medienlinguistische und mediendidaktische Perspektiven
von: Saskia Kersten
Empfehlung: Beitrag annehmen mit kleineren Überarbeitungen
—
Vielen Dank für diesen Beitrag, den ich mit viel Interesse gelesen habe und der, wie ich finde, sehr gut in die Thematik und das Themenheft einführt. Die Verbindung von Fachdidaktik und der „Konturierung eines medienlinguistisch fundierten Konzepts von Algorithmizität“ ist meiner Ansicht nach sehr zeitgemäß und entsprechend hochwillkommen, nicht zuletzt, weil sich Fachdidaktik und Fachwissenschaft nicht immer in dem Maße gegenseitig wahrnehmen und befruchten, wie man es sich wünschen würde.
Der Beitrag zeichnet die Entwicklung sowohl in ‚der‘ Fachdidaktik, der Bildungswissenschaft als auch der Medienlinguistik nach und argumentiert für mich sehr gut nachvollziehbar, warum Algorithmizität hier übergreifende Bedeutung hat und gerade an den Schnittstellen Forschung wichtig ist und weiter vorangetrieben werden sollte. (Natürlich gibt es nicht die eine Fachdidaktik, aber das hier kleinteilig aufzudröseln, erscheint mir auch nicht zielführend.)
Die Relevanz von medienlinguistischer Forschung für die schulische Praxis wird klar herausgearbeitet. Tabelle 1 wird hoffentlich einen Beitrag dazu leisten, dass Algorithmizität als ein wichtiger Teil von kritischer digitaler Diskursfähigkeit wahrgenommen und entsprechend in Mediendidaktik generell und insbesondere in der Lehrkräfteaus- und weiterbildung thematisiert wird.
Die Didaktikerin in mir weiß das konkrete Anwendungsbeispiel zu schätzen, allerdings ist dies etwas, was auch ggf. als Zusatzmaterial bzw. in einem Appendix bereitgestellt werden könnte, um den Fokus gegen Ende noch mehr zu schärfen und die Argumentation ‚tighter‘ zu machen.
Für den Ausblick möchte ich anregen, dezidierter zu formulieren und zu fordern, statt nur anzuregen, man könnte hier auch noch konkretere Vorschläge für Forschungsprojekte machen, die eben Medienlinguistik und Mediendidaktik miteinander verbinden.
Einführende Beiträge sind meinem Empfinden nach eine nicht leichte Textsorte, euch ist es hier gelungen, die Waage zwischen Generalität und Spezifik zu halten.
Ein paar kleinere Punkte bzw. Anregungen zur Überarbeitung:
Zeile 212ff: hier könnte man stärker herausstellen, dass es u.a. die sozialen Aspekte und die Möglichkeit der Interaktion und Kollaboration sind, die den Übergang vom Web 1.0 zu 2.0 kennzeichnen.
Zeile 217: Lave/Wenger 1991 als Quelle für die Definition von communities of practice leuchtet mir ein, es ist mir aber nicht klar, warum hier auch noch Stalder (2016) angeführt ist, den er zeichnet m.W.n. in z.B. Kapitel 2 vor allem die Arbeit von Lave/Wenger nach. Wenn es hier um die Anwendung des Konzepts bei Stalder geht, könnte man das expliziter machen, was dann ja in Zeile 221ff auch geschieht. Insgesamt zerfasern hier die Quellenangaben den Satz etwas, vielleicht kann man hier konsolidieren bzw. umformulieren, so dass es etwas weniger sperrig wirkt.
Zeile 225ff: hier könnte man durch „z.B.“ o.ä. andeuten, dass es sich bei den Quellenangaben um exemplarische Nennungen handelt.
Zeile 262: warum „so ließe sich argumentieren“? – ihr argumentiert doch genau so, oder?
Zeile 339: Platfformen –> Plattformen
Zeile 350: „ließen“ statt „lassen“? Vor allem auch angesichts der Tatsache, dass man dies aufgrund veränderter Rahmenbedingungen etc. so nicht mehr reproduzieren könnte
Zeile 361: warum „Allerdings“?
Zeile 388 neue Unterüberschrift hier, z.B. „Algorithm Literacy“ o.ä.? Hier wird ein wichtiger neuer Punkt angesprochen, der stärker in den Vordergrund geholt werden könnte.
Zeile 485: hier hätte ich mich ein illustrierendes Beispiel oder etwas mehr Details gewünscht, mir ist nicht ganz klar geworden, was z.B. Ernst (2022) hier genau meint.
Abschnitt 2.3 ist „Beyond Stalder“ hier die beste Formulierung? Ihr seid ja auch schon vorher über ihn hinausgegangen und außerdem erscheint mir der Abschnitt eher wie eine Anwendung bzw. ein Abklopfen von Stalders Ausführungen in Hinblick auf KI zu sein, aber nichts, was grundsätzlich theoretisch darüber hinausgeht. Sollte letzteres hier eigentlich das Ziel sein, müsste man das schärfen.
Zeile 561: hier etwas mehr Details, um den Kontrast zwischen den Szenarien zu schärfen bzw. würde ich das stärker mit der nachfolgenden Diskussion verknüpfen, um so die Argumentationslinie klarer werden zu lassen.
Abb. 1 auch hier ist mir der Unterschied der beiden Szenarien nicht klar konturiert genug. Ich würde hier eine etwas ausführlichere Diskussion der sehr schematisch-vereinfachenden Abbildung vorziehen
Zeile 975 Schildhaue –> Schildhauer 🙂
Zeile 978 Warum wird hier gerade diese Tagung herausgegriffen? ist mir nicht ganz klar geworden, vielleicht braucht es das Detail hier auch gar nicht
Es würde sich vielleicht auch lohnen, während der Überarbeitung einen Blick in folgendes Buch zu werfen (u.a. weil z.B. algorhithm im Schlagwortverzeichnis gar nicht auftaucht):
Zapata, G. C., Cope, B., & Kalantzis, M. (2026). Literacies in the age of AI: Teaching and learning in the digital era. Wiley.