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‚Unalive‘ und ‚Grape‘: curriculare und didaktische Gestaltungsräume zur Thematisierung und Reflexion von Algospeak im Deutschunterricht
von Sarah Stumpf
In der Kultur der Digitalität (Stalder 2016) lässt sich Algospeak als Phänomen internetbasierter Kommunikation an der Schnittstelle von Diskurs, Macht und algorithmischer Moderation verorten. Wenn Nutzer:innen sozialer Netzwerke bswp. von „s3ggsualität“ statt „Sexualität“ schreiben, handelt es sich nicht um eine rein kreative Sprachverwendung oder mangelnde Kompetenz im Bereich der Rechtschreibung. Diese Anpassungen sind vielmehr Strategien, um auf ein Grundproblem der Kommunikation in sozialen Netzwerken zu reagieren. Die Sortierung durch Algorithmen auf Plattformen wie TikTok oder Instagram ist keine bloße Kuratierung von Inhalten, sondern bildet darüber hinaus ab, welche Themen Sichtbarkeit erhalten. Da die konkreten technischen Funktionsweisen dieser Sortierung für die Nutzer:innen intransparent ist, bilden sich eigene Vorstellungen und geteiltes Erfahrungswissen heraus, wie die Sichtbarkeit von Profilen und Inhalten gesteuert wird. Algospeak stellt dabei den kommunikativen Ausdruck dieser Vorstellungen und Erfahrungen dar. Damit Nutzer:innen ihre kommunikativen Ziele realisieren können, ohne algorithmisch sanktioniert zu werden, passen sie ihr sprachliches Handeln an die vermuteten Regeln der Plattform-Algorithmen an.
Damit ist Algospeak zugleich ein linguistisch wie didaktisch interessantes Phänomen. Der Beitrag verbindet beide Perspektiven in einer zweischrittigen Analyse. Zunächst wird im Sinne einer Sachanalyse Algospeak medienlinguistisch als Gegenstand erschlossen und erläutert, wie sich die Grundmuster einer Kultur der Digitalität in dieser kommunikativen Praktik verschränken. Eine explorative Korpusanalyse stellt zudem exemplarisch dar, welche Varianten von Algospeak im deutschsprachigen TikTok identifiziert werden können und welche wiederkehrenden Anpassungsstrategien sich erkennen lassen.
In einer daran anschließenden didaktischen Analyse untersucht der Beitrag, welche curricularen Anschlussstellen für eine unterrichtliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Algospeak bestehen. Dabei soll überprüft werden, inwiefern die Lehrpläne Algospeak nicht nur als eine beliebige Form internetbasierter Kommunikation behandeln, sondern die algorithmischen Bedingungen digitaler Sprachräume im Sinne einer erweiterten Medienkompetenzförderung der Schüler:innen adressieren. Grundlage hierfür bildet der Auszug einer qualitativen Inhaltsanalyse von 98 Lehrplandokumenten des Fachs Deutsch für die Sekundarstufe I.
Der Beitrag plädiert für eine erweiterte Sprachreflexion, die digitale Kommunikation nicht als Abweichung vom Standard, sondern als eigenständiges Phänomen mit eigener Pragmatik und algorithmischer Strukturlogik anerkennt. Algospeak ist dabei mehr als Ausdruck einer sprachlichen Kreativität der Nutzer:innen. Im Gebrauch des Registers wird sichtbar, dass sprachliches Handeln unter den Bedingungen algorithmischer Sichtbarkeitsregulierung zu einem Aushandlungsprozess wird, der nicht nur zwischen den Nutzer:innen stattfindet, sondern die algorithmischen Strukturen der Plattformen zusätzlich adressiert. Für den Deutschunterricht bietet das Phänomen daher einen exemplarischen Anlass Sprachreflexion um eine medienkritische Auseinandersetzung mit den strukturellen Bedingungen internetbasierter Kommunikation zu erweitern und Schüler:innen anzuleiten, (angenommenes) Wissen über Algorithmen zu reflektieren.
Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Erste Auflage, Originalausgabe. Berlin: Suhrkamp.
