[OPR] Kabatnik: “Das ist doch etwas Totes” – Funktionsverbgefüge in der digitalen Sprachkritik

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„Das ist doch etwas Totes“ – Funktionsverbgefüge in der digitalen Sprachkritik

von Susanne Kabatnik

Den Untersuchungsgegenstand bilden in diesem Beitrag Funktionsverbgefüge, also Konstruktionen aus einem verbalen und nominalen Element, die eine gemeinsame Bedeutungseinheit bilden, wie z.B. Frage stellen. Die Konstruktionen weisen ein entsprechendes Basisverb auf, z.B. fragen. Weil Paarungen, wie Frage stellen und fragen, semantisch identisch erscheinen, fordern Stilratgeber seit 1891, Basisverben zu verwenden – die langen Konstruktionen seien unschön, würden Texte unnötig aufblähen und unverständlich machen. Ähnlich positionieren sich derzeit Schreibratgeber*innen auf Blogs, in Textanalysetools oder auch in den Guidelines der Wikipedia zum Verfassen allgemeinverständlicher Artikel: Funktionsverbgefüge sollen schlicht ersetzt werden. Bedauerlich ist diese Art von Sprachkritik jedoch, weil linguistische Untersuchungen seit Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zeigen, dass sich Funktionsverbgefüge bei der Strukturierung von Informationen im Text anders verhalten als Verben. Von der Forschungsfrage nach Leistungen von Funktionsverbgefügen im Text geleitet, soll der seit über einem Jahrhundert tradierten und nun auch digitalen Sprachkritik entgegengewirkt werden.

Methodisch orientiert sich der Beitrag am Methodeninventar der Korpuslinguistik. Mithilfe einer Kookkurrenzanalyse wurden zunächst statistisch signifikante Funktionsverbgefüge aus dem deutschen Referenzkorpus (IDS Mannheim) generiert und nach Häufigkeit sortiert. Eines der gebräuchlichsten Gefüge des Deutschen ist Frage stellen, das in diesem Beitrag fokussiert wird. Die Korpusgrundlage für die Analyse dieser Funktionsverbgefüge im Text bildet das Wikipedia-Artikel-Korpus des IDS (2015). Wikipedia-Artikel eignen sich für eine textlinguistische Untersuchung, weil Artikel auf dem Hamburger Verständlichkeitskonzept basieren. Das Gefüge wurde im Wikipedia-Artikel-Korpus ermittelt, exportiert, manuell bereinigt und nach textgrammatischen und -semantischen Kategorien annotiert. Dazu wurde zunächst ein deduktives Kategorienset erstellt, das induktiv erweitert wurde. Die Untersuchung folgt dem korpusbasierten, quantitativ-qualitativem Ansatz nach Lemnitzer/Zinsmeister (2015).

Frage stellen kann um mehr oder weniger komplexe sprachliche Einheiten, wie einzelne Wörter bis hin zu Sätzen, erweitert werden, wie die nachstehenden Beispiele (1), (2) und (3) zeigen. Das Funktionsnomen kann am Satzanfang realisiert werden, tendiert aber zur Rechtspositionierung wie im Satz (4). Es kann mit Dativ- und/oder Präpositivkomplementen auftreten (siehe (3)), ist aber häufig in seiner Valenzstruktur reduziert. Frage bezieht sich auf Textreferenten im Kontext oder bildet selbst welche (siehe (5)).

Beispiel mit Funktionsverbgefügevs.  Substitution mit Basisverb
(1) Sie hat sechs Fragen gestellt. &Sie hat sechsmal gefragt.
(2) Sie hat viele gute Fragen gestellt, die bereits letzte Woche thematisiert wurden.*Sie hat viel gut gefragt, was bereits letzte Woche thematisiert wurde
(3) Sie hat ihm eine peinliche Frage gestellt. &Sie hat ihn peinlich gefragt.
(4) Fragen wurden gestellt. / Es wurden Fragen gestellt. ?Gefragt wurde. / Es wurde gefragt.
(5) Es wurde eine Frage gestellt. Sie war interessant. *Es wurde gefragt. Sie war interessant.

Die Ergebnisse der Korpusanalyse lassen sich in die folgenden fünf Textfunktionen einordnen: die Anreicherung, Verdichtung, Perspektivierung, Gewichtung und Wiederaufnahme von Informationen im Text. Durch die Textverknüpfung und Strukturierung von Informationen wird eine spezifische Bedeutung ausgedrückt und Kohärenz erzeugt. Die Substitution mit dem Basisverb attestiert, dass – entgegen der vorherrschenden Meinung aus der (digitalen) Sprachkritik – Frage stellen nicht ohne Einbußen der (Text-)Semantizität und Grammatikalität ersetzt werden kann. Die (digitale) Sprachkritik stellt sich demnach als unbegründet heraus. Funktionsverbgefüge sind im täglichen Sprachgebrauch nicht nur unabdingbar, sondern können sogar zu mehr Verständlichkeit im Text führen.

Literatur

Lemnitzer, Lothar/Zinsmeister, Heike (2015): Korpuslinguistik. Eine Einführung. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen: Narr Francke Attempto.

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